NVA - aktuell

Soldat in zwei Armeen
Ansichten eines ehemaligen NVA-Soldaten, der in Kürze seinen Dienst in der Bundeswehr beendet

Der 3. Mai 1965 veränderte Eckhardt Lüders Leben. Er wurde Zeitsoldat der NVA. Weg von zu Hause, gutes Geld verdienen, das war für den jungen Mann ein Motiv. Eingezogen wurde er nach Prora auf Rügen. Da absolvierte er seine Grundausbildung als Mot.-Schütze. Es folgte die Versetzung nach Torgelow zur Unteroffiziersausbildung. Weitere Stationen: Gruppenführer und Zugführer im Mot.-Schützenregiment 29 in Prora, Kompaniefeldwebel und Zugführer eines selbstständigen Zuges. 1974 erneut eine Versetzung. Es ging nach Schwerin/Stern-Buchholz zur Geschosswerferabteilung 8, die er mit anderen Soldaten aufbauen sollte.
Fast unausweichlich: Der Eintritt in die SED. "Je älter man wurde, umso mehr dachte man über deren Politik nach. Versorgungsprobleme blieben uns nicht verborgen. Es gab aber auch positive Erfahrungen. In den Versammlungen konnte man schon seine Meinung sagen, was sonst im Dienst nicht möglich war."
Er wurde Berufssoldat und durchlief alle Unteroffiziersdienstgrade bis zum Stabsfähnrich. Eine weitere Beförderung fand nicht mehr statt. Die "Wende" war auch für ihn die Wende in seinem Leben.

Die Entbindung vom Fahneneid

Ein entscheidendes Ereignis, die Bekanntgabe der Reisefreiheit für alle DDR-Bürger durch das Politbüromitglied Schabowski am Abend des 9. 11. 1989 hat er gar nicht miterlebt. Er war dienstlich nach Teterow unterwegs, um Geräte für seine Einheit zu übernehmen. "Die Bedeutung dieses Tages wurde mir erst viel später klar." Die folgenden Monate waren belastend. Niemand wusste, was aus der NVA und ihren Soldaten wird. Auf der einen Seite streikten Soldaten, was bisher unmöglich erschien. Dagegen das, was heute fast wie ein Wunder erscheint: disziplinierter Dienst, Wachsamkeit und Treue gegenüber dem untergehenden Staat. Kein Schuss fiel. Die Sicherheit von Waffen und Munition war nie gefährdet. Auch er war z.B. ein Vierteljahr in Storkow zur Munitionsbewachung eingesetzt.
Dann der letzte Tag als NVA-Soldat: "Ich werde den Regimentsappell nicht vergessen. Man teilte uns mit, dass wir mit Ablauf des 2.Oktober 1990 von unserem Fahneneid entbunden wären. Feierlich wurde die Truppenfahne eingeholt." In dieser Zeit entschlossen sich viele Soldaten, ihre Entlassung zu beantragen und in einen zivilen Beruf zurückzukehren. Für manchen eine weittragende Entscheidung, zum Teil mit Arbeitslosigkeit verbunden. Eckhardt Lüder entschied sich zunächst, an der Auflösung seiner Einheit mitzuarbeiten. Dann erste Kontakte zur Bundeswehr: "Wir trugen noch die Uniform der NVA. Das Olivgrün des ehemaligen Gegners schreckte doch einige. In den Gesprächen zeigte sich, dass man Soldaten der NVA in die Bundeswehr übernehmen wollte. Dieser Denkprozess war zum Teil quälend. Es war nicht einfach; "Die eine Uniform aus und in die andere hinein". Die Entscheidung erfolgte mit Unterstützung der Kameraden aus der Bundeswehr.

Gang durch die Überprüfungen

"Wir sind nicht als Menschen zweiter Klasse aufgenommen worden", schätzt Lüder ein. Wieder begann für den damals 46-jährigen die Ausbildung - in Flensburg zum verantwortlichen Feldwebel für eine im Krisenfall aufzustellende, im Frieden nicht aktive Einheit. Dieses Bataillon baute er mit auf. Dann kam das Angebot, sich als Berufssoldat zu bewerben. "Nach umfangreicher Ausbildung und zweijähriger Probezeit als Soldat auf Zeit waren wir schon fest in die Bundeswehr integriert. Lästig empfand ich die Überprüfung zur Tätigkeit für die Staatssicherheit. Ich war mir sicher, nicht unterschrieben zu haben. Trotzdem blieb, als Kameraden wegen des Verschweigens entlassen wurden, ein ungutes Gefühl, ob man nicht doch, ohne es zu wissen, registriert war."

Der Vorgesetzte aus dem Osten

Als auch seine neue Einheit aufgelöst wurde, bekam er 1996 eine Perspektive in den alten Bundesländern mit einhundert Prozent Sold. Fahrten nach Hause waren in der Folgezeit nur alle 14 Tage möglich. Dennoch erinnert er sich an die Tätigkeit im Jägerbataillon in Daun an der Eifel noch gern. "Es war für meine zivilen Mitarbeiter eigenartig, dass sie nun einen Vorgesetzten aus dem Osten hatten. Zwei Monate brauchten wir, bis wir "warm wurden". Die Beförderung zum Stabsfeldwebel erfolgte. Und aus den zwei vorgesehen Jahren wurden schließlich drei. 1999 wurde er wieder nach Schwerin versetzt. Seit wenigen Monaten ist er verantwortlich für die Betreuung der Familien der auf dem Balkan eingesetzten Soldaten. Es wird seine letzte Verwendung in der Bundeswehr sein. Sein Resümee: "Ich bereue nicht, Bundeswehrsoldat geworden zu sein."

Dienst und Sold - der feine Unterschied

Der einzige Wermutstropfen: "Ich musste erst für drei Jahre in die alten Bundesländer gehen, um ein hunderprozentiges Gehalt zu bekommen. Der Ost-Soldat leistet den gleichen Dienst wie sein Kamerad aus dem Westen. Beide müssen im Ernstfall gleichermaßen für unsere gemeinsame Heimat ihren Mann stehen. Das unterscheidet sie von allen anderen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, mit denen sie fälschlicherweise immer wieder verglichen werden. Deshalb sollte die Angleichung möglichst rasch erfolgen." Stabsfeldwebel Eckhardt Lüder beendet in Kürze seinen Dienst in der Bundeswehr nach über 35 Jahren des Soldatseins. Der Vergleich zwischen beiden Armeen sei daher schon mal erlaubt, so der zukünftige Pensionär: "Die NVA hatte ein Bild der Disziplin und des Gehorsams von sich aufgebaut. Es wurden einem viele Entscheidungen durch Vorgesetzte abgenommen. Mehr gefordert wurde ich in der Bundeswehr. Ich musste eigenverantwortlicher arbeiten. Gerade das war zu Anfang schwer für mich. Auf der anderen Seite verblüffte mich die Lockerheit und das Offene. Auch das Verhalten gegenüber Vorgesetzten ist anders. Das war für mich schon eine Umstellung." Pensionierung, dieses Wort gefällt ihm heute noch nicht. Sicherlich kann er nicht zu Hause herumsitzen. Seinen Hobbys nachgehen zu können, darauf freut er sich schon. Sehen, was Zeit als Pensionär bringt Man wird sehen, was die Zeit bringt. Nach seiner Familie befragt, gibt er gern Auskunft. Seine Frau ist bei der Standortverwaltung der Bundeswehr in Schwerin beschäftigt. Die Söhne, einer beim Bundesgrenzschutz, der andere Zeitsoldat der Bundeswehr und zur Zeit im Kosovo im Einsatz, sind ebenfalls erwachsen und selbstständig. Tochter und Schwiegersohn haben auch Arbeit. "Da solle gerade ich zu Hause bleiben ?!"

Hans-Joachim Falk
Schweriner Volkszeitung vom 10.03.2000