NVA - aktuell

Schicksale. Eine Bilanz zehn Jahre nach der Wende.

Von Guido Hartmann
Strausberg - Als Günter Schabowski im Herbst 1989 die Öffnung der Mauer bekannt gab, saß Oberstleutnant Klaus-Dieter Wirth mit Kollegen vor dem Fernseher der Offiziersstube. «Als NVA-Offiziere haben wir doch im Grunde wie unter einer Glocke gelebt und hatten nur wenig Kontakt zur normalen Bevölkerung.», erinnert sich der bedächtig wirkende Berufssoldat. Damals habe man noch Späße gemacht, dass bald die Bundeswehr durchs Kasernentor marschieren würde. Heute ist er selbst beim «Feind» beschäftigt.

Zwei Staaten und zwei Armeen hat Major Klaus-Dieter Wirth (47) im Laufe seiner Militärkarriere kennengelernt. 1971 nahm der gebürtige Anhaltiner das Studium an der Offiziersschule Löbau auf. Parallel zur militärischen Ausbildung machte Wirth seinen Hochschulingenieur in Kraftfahrzeugwesen, die technische Seite des Militärwesens blieb fortan sein beruflicher Schwerpunkt. 1980 ging es dann mit Frau und beiden Kindern nach Moskau, wo Wirth an der Militärakademie der Panzertruppen nach drei Jahren den Diplom-Ingenieur in Maschinenbau erwarb.

Noch heute sind ihm das internationale Flair und der Kontakt mit Studenten aus aller Welt in positiver Erinnerung. Zurück in der DDR wurde Wirth dann stellvertretender Regimentskommandeur für Technik und Bewaffnung in Weißenfels, Sachsen-Anhalt. 1988 kam er ins Ministerium für Verteidigung, wo der zum Oberstleutnant aufgestiegene Offizier für technische Prüfungsverfahren und für die 1989 von der DDR beschlossene Verschrottung von 800 Panzern zuständig war.

Wenig später war es dann tatsächlich soweit, für Wirth begann eine Zeit der beruflichen und privaten Unsicherheit. Wie jeder NVA-Berufssoldat musste er sich als «Weiterverwender» bei der neuen Truppe bewerben. Erst erhielt er einen zweijährigen Zeitvertrag, dann folgte die Übernahme als Berufssoldat - im Range eines Hauptmannes.

Es folgten Lehrgänge an der Offiziersschule Hannover und der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Im Anschluss war Wirth dann zwei Jahre als technischer Offizier im Münsterland tätig, jedes Wochenende fuhr er 1200 Kilometer, um bei seiner Familie sein zu können. 1997 wurde er zurück nach Strausberg versetzt, wo er bei die Logistikbrigade 4 für technische Sicherheitsüberprüfungen in den neuen Bundesländern und Schleswig-Holstein verantwortlich ist.

Dass Wirth zu den 10 Prozent der übernommenen NVA-Berufssoldaten gehört, ist für ihn zunächst Konsequenz seiner technischen Ausrichtung. Zudem sei er bereit gewesen, noch einmal von vorne anzufangen und neu zu lernen. «Ich war aktiv und auch bereit, mal länger in den Westen zu gehen.», zieht Wirth zehn Jahre nach der Wende Resümee. Ende 1997 hat er sich in der Nähe von Strausberg ein Haus gekauft und mit viel Eigenleistung renoviert. Inzwischen schon wieder zum Major befördert ist Wirth auch zuversichtlich, irgendwann wieder seinen alten Rang als Oberstleutnant zu erhalten.

28.10.1999 © Berliner Morgenpost